Archiv der Kategorie: 2016

Kulturelemente 130

Mathematik und Wirklichkeit

Mit quasi-logarithmischer Regelmäßigkeit macht die Rede vom akademischen Elfenbeinturm die Runde in politischen Debatten, Medien und Web-Foren. Gemeint sind damit vor allem Fakultäten wie Mathematik oder Philosophie. Doch wie sehr finden mathematische und formalwissenschaftliche Erkenntnisse tatsächlich Eingang in unseren Alltag und in unsere Kultur? In der vorliegenden Ausgabe gehen wir ergo der Frage nach, wo und wie seriös mathematisches Wissen in unserem gegenwärtigen Kulturschaffen Anwendung findet.

Unter anderem untersuchen wir die Schnittmenge von Mathematik mit Kino, Theater, Musik und bildender Kunst. Weshalb finden beispielsweise Farben keinen Eingang in Formeln? muss Logik schwarz auf weiß sein? Und lässt sich die schwarz-weiße Zahlenmaterie mit den Emotionen des Theaterspielens in Einklang bringen? Wo liegt der kleinste gemeinsame Nenner zwischen Mathematik und Glauben? Ist es die 313, das Autokennzeichen von Donald Duck, oder sind es – frei nach Leibniz, dessen Tod sich 2016 zum 300. Mal jährte – zwei Paralleluniversen, die einander nie treffen aber auch nicht ausschließen? Ein kunsthistorisch-philologischer Exkurs in die antike und mittelalterliche Zahlenmystik erhellt nicht nur, warum die magischen Zahlen 3 und 4 zu den ebenso magischen Zahlen 7 (3+4) und 12 (3×4) führen, sondern erklärt auch die gemeinsame semantische Herkunft der Begriffe Ziffer und Chiffre.

Ein Ausblick in die Kinozukunft: immaterielle Mathematik wird im Webzeitalter zum unbegreifbaren theoretischen Unterbau unserer Welt. Und doch schwinden gerade im geglätteten Gegenwartskino kulturgeschichtlich relevante mathematische Erklärungsmodelle zugunsten eines prognostizierbaren Erfolgs an der Kinokasse. Die Schwierigkeit, Mathematik im Kulturschaffen umzusetzen, zeigt sich am besten im protzigen Leerlauf des Geniekults und in Blockbustern, deren zunehmend dünne Geschichten von technologischem Fortschritt überdeckt werden.

Haimo Perkmann / Hannes Egger

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Kulturelemente 129

Die (Un-)Ordnung der Worte

In der Antike wurde die Ordnung als gegeben, im Mittelalter und der Frühen Neuzeit als von Gott geschaffen begriffen. Erst im Zuge der Aufklärung rückt der Mensch nach und wird zum Wahrer der Ordnung. Die schweren, dunklen Bände der Enzyklo­pädie mit den in Gold gefassten Buchstaben des Alphabets wa­ren im 20. Jahrhundert Symbole der Werte und Vorstellungen in den bürgerlichen Wohnzimmern. Heute sind es die unendlichen Text- und Bildmengen auf den weltweit verteilten Server-Far­men zum Auffinden und Abrufen. Diese digital-reale Weltord­nung ist äußerst instabil: Die so­zialen Konflikte von arm und reich, die ökologischen Konflik­te und sozio-politischen Zerreißproben, Hunger, Massenwande­rungen, Terror usw. lassen uns immer häufiger von Krise und Ausnahmezustand sprechen. Doch der permanente Ausnah­mezustand verdrängt das de­mokratische Verständnis durch immer höhere Ansprüche an die Justiz, und der Rechtsstaat er­setzt sukzessive die spontane Solidarität im tradierten Gemein­wesen. Ist es möglich, Ordnung in das Chaos zu bringen, ist dies überhaupt notwendig?

„Wo aber die Gefahr ist, wächst das Rettende auch!“, meint Höl­derlin. Können wir wirklich auf diese romantische Vorstellung vertrauen und uns in der ichver­lorenen Ergründung unserer Seelenzustände verlieren? Ist das konfliktreiche Aufeinander­treffen unterschiedlicher Milieus und Lebensstile nicht vielmehr eine Bedingung für Kultur, Lite­ratur und Kunst?

Eine Konstante im Südtiroler Kulturbetrieb ist seit 70 Jahren der Südtiroler Künstlerbund, in Zusammenarbeit mit dessen Dokumentationsstelle für Neue­re Südtiroler Literatur ist die vorliegende Kulturelemente ent­standen. Sie präsentiert – ne­ben philosophischen, bibliothe­karischen und kulturwissen­schaftlichen Ansätzen zum Ord­nungs–Unordnungsdiskurs – das digitalisierte Literaturarchiv Südtirol, mithin einen Abriss über die Literatur der letzten 70 Jahre in Südtirol, neue Gedich­te, Interviews und Rezensionen.

Hannes Egger / Haimo Perkmann

 

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Kulturelemente 128

Die aktuelle Ausgabe der Kulturelemente zur Rolle Italiens in der EU steht unter den Auspizien der ambivalenten Identität Südtirols an der Schnittstelle verschiedener Sprach- und Kulturräume. Als Südtiroler sind wir täglich mit italienischen und deutschen Medien konfrontiert. Dabei werden wir uns stets aufs Neue der unüberbrückbar scheinenden Differenzen in der medialen Berichterstattung bewusst, aber auch mit irritierenden Allgemeinplätzen und oftmals entgegengesetzten Einschätzungen zu denselben Sachlagen konfrontiert; etwa über die jeweilige Rolle in der Wirtschaftskrise, die eigentlich eine Krise der europäischen Institutionen ist; oder in der Flüchtlingskrise, die eigentlich eine makropolitische Krise ist.

Ist Europa noch zu retten? Und auf welcher Ebene? Ist es auf dem Weg zurück zu den Nationalstaaten, oder vorwärts zu einem Europa der Regionen? Träumen manche gar von einer gesamteuropäischen Weltmacht? Während die Deutsche Bank zunehmend in die Krise schlittert, hat es Italien – als einer der größten Nettozahler der EU, der bislang kein Bankenrettungsprogramm schnüren musste – dennoch nicht geschafft, seine Reputation als maroder Stiefelstaat abzulegen. Oder ist auch dies nur ein Zerrbild der europäischen Medien. In der Tat umfasst die Idee von Europa bereits seit Hegels Geschichtsphilosophie und Montesquieus’ De l’esprit des lois, jenem grundlegenden Werk zur Gewaltenteilung, nur den Norden Europas, während der Süden als rückständig, unzivilisiert, naiv religiös und wild ausgeklammert wird, wiewohl er wohl als Wiege Europas in der Antike anerkannt wird. Wirken diese proto-imperialistischen Einschätzungen bis heute nach?

Um dieser komplexen Thematik, die uns alle betrifft, gerecht zu werden, beleuchten wir sie aus dem Blickwinkel von Ausnahmefällen. Zunächst werden die Auswirkungen einer institutionellen EU-Krise auf Italien und Südtirol – als dem paradigmatischen Fall einer Minderheitensituation – von Roland Benedikter durchdekliniert. Aus regionaler Sicht ist die Existenz der EU eine Frage der eigenen kulturellen Existenz, denn jede Minderheit in einem Nationalstaat ist stets auf ein Gleichgewicht der Kräfte angewiesen. Und jede fragile Erschütterung wird sogleich wahrgenommen. DIE ZEIT Autorin Judith E. Innerhofer erörtert die europapolitische Dimension der Krise; Politikwissenschaftler und EU-Beobachter Marco Michieli analysiert dagegen die politische, historische und geografische Sonderstellung des Stiefelstaates. Das Flüchtlingsdrama am Brennpunkt Brenner aus erster Hand schildern Monika Weissensteiner und Giorgio Mezzalira. Mit Image- und Existenzproblemen kämpfen aber auch die Privatwirtschaft und der international abgehängte italienische Kunstbetrieb, wie Kunst-Bloggerin und Autorin Antonella Palladino in ihrer Analyse festhält. Ein möglicher Auswege führt auch in der Kunst nicht über die Rückkehr zur Lira, sondern über Reformen und Innovation. Die Galerie der Kulturelemente widmet sich dem Projekt „In the Belly of Fascism and Colonialism # 2” der italienischen Künstlerin Annalisa Cannito.

Die in Kulturelemente 129 versammelten Beiträge fördern insgesamt konkrete Topoi der Krise zutage – dort, wo makropolitische Entwicklungen uns alle schmerzlich berühren, nämlich in ihren Auswirkungen auf unsere Lebensrealität. Dabei versuchen die Autoren und Autorinnen, die öffentliche Stimmungslage zwischen Lethargie, Pessimismus, Status Quo und Optimismus auszutarieren und so ein Bild zu vermitteln, das einen detaillierten, aber doch umfassenden Gesamtblick auf dieses fragile und stets unter Strom stehende Staatsgebilde werfen.

 

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Kulturelemente 126

Die vorliegende Ausgabe der Kulturelemente nahm ihren Anfang virtuell am 15. November 2014 im Zentrum für Zeitgenössische Kunst „DOX“ in Prag, als die internationale Ausstellung Modes of Democracy eröffnet wurde, deren Ziel es war, die vielen Facetten, Gefahren und Möglichkeiten der Demokratie im Zeitalter einer global vernetzten Welt zu zeigen. Im Rahmen der Ausstellung war der SüdtirolAutonomie als demokratiepolitischem Sonderfall eine eigene Sektion gewidmet. Diese viel gelobte, aber mittlerweile in die Jahre gekommene Autonomie steht aktuell selbst zur Debatte, beim sogenannten Südtirol-Konvent. Dabei ist die gesamte Bevölkerung dazu aufgerufen, in regelmäßigen Zusammenkünften über die Zukunft des Landes und der Demokratie in diesem Land nachzudenken. Von November 2015 bis Ende März 2016 war die Europaratsausstellung Modes of Democracy in der Festung Franzensfeste in Südtirol zu sehen.

Kulturelemente leisten mit dem vorliegenden Heft, das mit zwei kaum überschaubaren, geschweige denn zu bewältigenden politischen Themen und deren Auswirkungen auf die Demokratie aufmacht, einen diskursiven Beitrag zur politischen Debatte rund um die Demokratie im Internetzeitalter, um Partizipation und Autonomie: den Anfang macht Philosoph Andreas Oberprantacher mit einer Reflexion zum Aufbegehren derer, die keine Rechte haben. Die komplexe Thematik der illegalen Einwanderung wird von Marco Mengs Beitrag flankiert, der sich mit den finanziellen Verflechtungen des Terrorismus und der Terrorismusbekämpfung auseinandersetzt. Von den globalen Zusammenhängen gelangen wir sodann zu den lokalen Auswirkungen. Elisabeth Alber thematisiert das demokratische Großereignis des Südtirol-Konvents; Beispiele partizipativer Demokratie erörtert Andrej Werth entlang der Ausstellung in der Franzensfeste.

Breiter Raum ist der Ausstellung „Modes of Democracy“ gewidmet; in der achtseitigen Galerie sind Ausstellungsansichten von Ulrich Egger sowie die Saaltexte zu den einzelnen Ausstellungskapiteln zu sehen.

Hannes Egger, Haimo Perkmann

Kulturelemente Nr. 126

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Kulturelemente 125

Flucht / Zuflucht

Willkommen oder 
ich habe keine Angst
Grundlage der Kulturelemente 125 ist die nach dem Konzept von Maxi Obexer, Südtiroler Künstlerbund und dem Neuen Institut für Dramatisches Schreiben veranstaltete Summer School Südtirol für dramatisches Schreiben im Juli 2015. Eine Woche haben zehn Autoren_innen, Referenten_innen, Aktivisten_innen gemeinsam mit der Öffentlichkeit über Flucht und Zuflucht gesprochen, diskutiert und reflektiert.
Eingeleitet wird dieses Heft von Maxi Obexers Eröffnungsrede, die sie am 19. Juli 2015 auf Schloss Velthurns gehalten hat. Die erste Hälfte des Heftes beinhaltet Texte von oder zu Referent_innen des Symposions: Zu Wort kommen die Schriftstellerin Ulrike Draesner, Christine Helfer, die, als Besucherin der Summer School mit dem aus Eritrea geflohenen Menschrechtsaktivisten Samuel Kidane gesprochen hat und der Liedermacher Giacomo Sferlazzo aus Lampedusa.
Im zweiten Teil des Heftes finden sich dramatische Texte von Teilnehmer_innen der Summer School, Ergebnisse des Symposions, verfasst von Anna Gschnitzer, Maria C. Hilber, 
Serena Osti und Musaab Sadeq Khaleel.
Die Galerie wird von Maria 
Walcher bespielt. Sie ist die einzige Stimme der Kulturelemente 125, die nicht in direktem Zusammenhang mit der Summer School steht, dennoch ist die inhaltliche Nähe ihres Projekts „Trasite“ („Willkommen“ in kalabresischem Dialekt) evident, wenn sie für das Berliner Gorky-Theater Kopien der Bronzen von Riace ins Wasser legt.
Diese erste Summer School Südtirol für dramatisches Schreiben zu „Flucht und Zuflucht“, deren Dokumentation diese Kulturelemente darstellt, konnte durch die Unterstützung der Autonomen Provinz Bozen Südtirol – Amt für Kultur und der Stiftung Südtiroler Sparkasse verwirklicht werden. Partner waren die Vereinigten Bühnen Bozen, die Südtiroler Autorenvereinigung, die Freie Universität Bozen, Lungomare – Projektraum für Kultur und Gestaltung und der Bildungsausschuss Feldthurns.

Hannes Egger

Kulturelemente_Nr. 125

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