#143: Von Mehr- und Wenigerheiten

Von Mehr- und Wenigerheiten.

Fahrende sind, wie der Name schon verrät, unterwegs. Sie pflegen einen eigenen Lebensstil, der auch eine Form des Wirtschaftens ist. Sind aber die Sinti und Roma in Europa Nomaden, wie die Erzählung besagt, oder sind sie bloß an verschiedenen Orten sesshaft? Sicher ist, dass die rund 12 Mio. Roma in Europa nirgendwo in der Mehrheit sind. Ein Volk ohne Land, das niemandem den Krieg erklären kann. Eine Wenigerheit, um es in den Worten Ceija Stojkas zu sagen.

Die Beziehungen zwischen der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung und den Roma sind meist flüchtig, das gegenseitige Verständnis ist gering, viele Grenzen müssten überwunden werden. In der mündlichen Überlieferung der Roma sind wir Sesshafte noch immer Ackerbauern und Viehhirten. Zwischen ihnen und der mit ihrer Scholle verwurzelten Bevölkerung herrscht Misstrauen. Zudem stellen die „Zigeuner“ für die sprichwörtlich „An-sässigen“ eine beunruhigende, verstörende Minderheit dar; eine Bedrohung der bürgerlichen Werte eines fleißigen, anständigen und strebenden Lebenswandels. Unsere Grenze verläuft hier. Entlang der Entscheidung: Assimilation oder Ausschluss.

Darüber hinaus gibt es noch eine weitere Grenze: einen internen Kulturkampf zwischen jenen, die sesshaft werden und ihre Kultur gar verneinen, und jenen, die den althergebrachten Lebensstil fortführen.

Uns wurde zu dieser Ausgabe von verschiedenster Seite geraten, konstruktive Projekte und positive Beispiele zu bringen. Als Kulturzeitschrift kann unser Anspruch jedoch nicht darin bestehen, positive Stereotypen anstelle negativer zu reproduzieren. Die persönlichen Erfahrungen und Begegnungen im Verlauf der Interviews und Gespräche mit lokalen Sinti sind keineswegs konstruktiv verlaufen. Die Opferrolle hat sich offenbar fest in den Dialog mit Außenstehenden eingegraben. So konzentrierten wir uns auf die politisch und rechtlich relevante Seite dieses komplexen Diskurses, der immer wieder zur Kulturproduktion zurückführt.

Um Kultur geht es auch im literarischen Teil rund um das Werk des Schriftstellers und evangelischen Gefängnisseelsorgers Eginald Schlattner aus Hermannstadt in Siebenbürgen. In seinen Texten prallen zahlreiche Zigeunerklischees gekonnt aufeinander, um an der eindrücklich geschilderten Realität wieder abzuprallen.

Hannes Egger / Haimo Perkmann

Kulturelemente 143

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s