#142: Neid: Du oder Ich (aber nicht wie beide)

Negative Leidenschaften.

Mit rhetorisch formulierten, jedoch ethisch intendierten Fragen des österreichischen Sozialexperten Martin Schenk beginnen wir die letzte Ausgabe 2018. Als der Vorschlag, etwas zum Thema Neid zu machen, von Jörg Aichner an Kulturelemente herangetragen wurde, wollten wir schon abwinken – eine moralische Allerweltsproblematik zu einem relativ uninteressanten Gemütszustand, mit der Gefahr thematischer Ausuferung. Nachdem wir nun die Texte der Autoren und Autorinnen vor uns liegen habe, sind wir eines Besseren belehrt worden. Neid, so lesen wir, ist unter allen Todsünden jene, die am wenigsten Spaß macht. Auch ihren Sonderformen ist nichts Positives abzugewinnen. So sagt der Volksmund über die Eifersucht, sie sei „die Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft“. In unserer moralischen Metanarration stigmatisieren wir seit Jahrtausenden die negativen Leidenschaften, etwa die 7 Todsünden – Stolz, Gier, Neid, Zorn, Schamlosigkeit, Unmäßigkeit und Faulheit –, aber auch Geiz, Groll und heute vor allem Hass (hatespeech). Die Zivilgesellschaft stigmatisiert auch die Träger dieser negativen Leidenschaften, wenn sie es übertreiben und auf destruktive Weise das friedliche Zusammenleben gefährden.

Die gesellschaftliche Kohäsion ist heute tatsächlich in Gefahr. Sowohl horizontal von politischer Seite als auch vertikal von oben nach unten, wenn sich etwa die wohlhabenden Klassen des antiken „divide et impera“ bedienen und soziale Anliegen – wie Sozialforscher Karl Gudauner betont – als Neid abwiegeln. Es ist der Stammtischwitz des Reichen, der sich an der Bar alle Chips schnappt bis auf einen, und dann dem Bürger sagt, er solle gut aufpassen, denn der Arbeiter wolle ihm seinen wohlverdienten Kartoffelchip klauen. Politisch bedienen sich heute Bewegungen und Parteien der negativen Leidenschaften, um politisches Kleingeld zu machen und die Wählergunst zu erlangen. Ob es dabei gegen „die da oben“ um die Höhe der „Politikerghälter“ geht oder um die Mobiltelefone von Migranten, ist nur eine Frage der Ausrichtung. Das Spiel mit dem Neid definiert den Rubikon des Populismus.

Die Zentrifugalkräfte haben gerade Aufwind, während die gesellschaftliche Kohäsion zunehmend schwindet. Die Reflexionen und Analysen dieser Ausgabe beleuchten diese auf individueller und gesellschaftlicher Ebene feststellbaren Befindlichkeiten aus verschiedenen Blickwinkeln und kommen dabei zu vergleichbaren Ergebnissen.

Hannes Egger / Haimo Perkmann

Kulturelemente #142

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s