Kulturelemente 131


Sehen als sinnliche Wahrnehmung

In seiner Phänomenologie der Wahrnehmung entfaltet der französische Philosoph Merleau-Ponty Konzeption und Struktur einer Wahrnehmungstheorie, indem er Husserls Diktum „weg vom Objekt“ reflektiert und dem Feld der Sinnlichkeit Priorität einräumt. Ich bin „all das, was ich sehe, ein intersubjektives Feld, (…)“ [PhW S.258]. Damit rückt Merleau-Ponty in die Nähe des Wahrnehmungstheoretikers Vilém Flusser, aber auch jener zu Beginn der Frührenaissance situierten Aristoteles-Rezeption, wo die Seele alle Seienden ist, die sie kennt. In der messbaren Welt der Objektivität ist vieles zwingend, das in unserer subjektiven Wahrnehmung keineswegs klar ist, wie schon Leibniz konstatierte. Dabei gilt es, die Unbestimmtheit unseres Sehens als konstitutives Phänomen unseres da-Seins und somit als Grundlage unserer Lebenswelt anzuerkennen.

Ist Sehen eine Form der Distanzüberbrückung, die das Objekt in das Subjekt hinein holt? Und können wir in die Zukunft sehen, etwa indem wir etwas auf der Haut spüren, das sich erst nähern wird und noch gar nicht da ist? Und wieviel Erotik steckt demnach im Blick, bzw. was ist das erotische im Schauen? Was ist ein konzeptioneller Blick und müssen wir eine Schule des Sehens besuchen, um Schauen zu erlernen? Können Kunstwerke durch diesen konzeptionellen Blick wahrgenommen werden? Stellt die Fotographie eine in der Zeit fixierte Form des Sehens dar? Was geschieht, wenn sich ein Künstler an die Wand drückt, auf diese zeichnet, was er gerade sieht und anschließend ein Foto davon macht?

Eine Bergsteigerlegende erzählt, dass der Großvenediger (3.666 m) in den Hohen Tauern diesen Namen trägt, da bei schönem Wetter vom Gipfel bis nach Venedig geblickt werden kann. Auch vom Ortler (3.904 m) gibt es diese „legendäre“ Sicht auf Venedig. Nicht-Bergsteigern bleibt der Blick von besagten Gipfeln verborgen und wir wollen unsere Leser_Innen auch nicht ermutigen, sich im Winter ins Hochgebirge zu wagen. Stattdessen eröffnen wir – mit dieser von Jörg Aichner und Roger Pycha konzipierten Ausgabe der Kulturelemente – einen Ausblick auf das Sehen.

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