Kulturelemente 124

Das Kind als Projektionsfläche

Kinder sind darauf angewiesen, ihrer Umgebung vertrauen zu können, denn sie haben keine Verteidigung und kein rhetorisches Arsenal. Eine Binsenweisheit und dennoch oft vernachlässigter Vertrauensgrundsatz. Je kleiner das Kind, desto weniger Möglichkeiten zur Äußerung und Durchsetzung seiner Bedürfnisse hat es. Penetrantes Schreien, um auf sich aufmerksam zu machen, ist nur bedingt ein guter Anfang. Daher versucht der Säugling, frei nach Lacan, dieses Stadium so schnell wie möglich zu verlassen und in das symbolische Ordnungssystem der Sprache einzutreten.

Was geschieht, wenn das Vertrauen des Kindes missbraucht wird, lesen wir tagtäglich in den Nahrichten. Aber auch jenseits der Horrormeldungen über misshandelte Kinder findet Missbrauch statt. Seine Formen sind vielfältig und subtil. Ab wann ist Ge-brauch und Gebrauchtwerden schon Missbrauch? Die rote Linie ist dünn: Wann wird Fürsorge zu Narzissmus? Wann ist Er-Ziehung Machtmissbrauch? Wann wird das Kind zur Projektionsfläche der Wünsche der Eltern? Beim Lesen der Beiträge wird klar, dass die Reflexion über Missbrauch bis zur überspitzten Frage führt, ob nicht die Conditio Humana selbst schon Unerträgliches von uns abverlangt, indem das Subjekt in Folge der Ich-Zuordung sich immer schon als Mangel begreift.

In dieser Ausgabe der Kulturelemente nähern wir uns dem Thema auf zwei gänzlich verschiedenen Wegen. Den Beiträgen zum neuesten Entwicklungsstand der psychologischen Theorie und der psychiatrischen Forschung werden literarische Beiträge und Erlebnisberichte zur Aufarbeitung mit stark autobiografischen Akzenten entgegengesetzt. So findet die theoretische Abgeklärtheit einen emotionalen, ungeschliffenen Widerpart in subjektiven Tatsachenberichten und Schilderungen von Autoren, die sich kein Blatt vor den Mund nehmen. Dabei wird eines klar:

Das Kind ist nicht nur den Wünschen und Erwartungen seines unmittelbaren Umfeldes ausgesetzt, sondern immer auch Projektionsfläche der anderen, die in seinem Namen argumentieren.

Haimo Perkmann

Kulturelemente 124

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