Kulturelemente 116

Gehen und Denken sind seit den frühesten Überlieferungen der Antike ein eigentümliches Fortschrittspaar – und nun Gegenstand der Überlegungen der Kulturelemente 116. Von vorplatonischen Weisen, die beim Denken gehen und beim Gehen beobachten – und dabei mitunter in einen Brunnen fallen – bis zum Peripatos des Aristoteles, stehen Denken und Erkennen mit körperlicher Bewegung in Einklang. Diese Harmonie wird im Lauf der Geschichte immer wieder reflektiert, selten als strikte Trennung oder Auflösung des einen, dies vor allem bei religiösen Mystikern in Christentum und Islam, ebenso selten als untrennbare Einheit wie bei Spinoza oder Balzac, bei denen das Denken nicht von den Erfahrungen des Leibes getrennt werden kann. In Ihrem Beitrag zur Pädagogik der peripatetischen Methode, zu Nachhaltigkeit und mobilem Lernen erläutern die Gründer der peripatetischen Unterrichtsmethode Katrin und Peter Seele die Wiederentdeckung und Sinnhaftigkeit der antiken Methode des Lernens im Gehen.

Zum zentralen Untersuchungsgegenstand wird das Gehen im 19. Jh., dem Zeitalter der Flaneure und Wandergesellen, während es im 18. Jh. erstmals Ausdruck der Abgrenzung des Bürgertums vom Adel gewesen war. So führte, wie Filmanalytiker Paolo Caneppele ausführt, die Messung und das Fotografieren des Gehens und der Muskeln zur Chronophotographie und schließlich zur Erfindung des Films. 1918, als der Glaube an Fortschritt und Maschinen im Ersten Vernichtungskrieg gedämpft worden war, gewinnt das Gehen und mit ihm die Langsamkeit wieder an Bedeutung. „Gehen“ verhält sich zur physikalischen Dynamik, zu Kraft, Beschleunigung, Bewegung oder Geschwindigkeit wie das Seiende zum Sein, es genießt das Privileg des ontischen Vorrangs. Wie dieser in Praxis aussieht, darüber berichtet Hannes Egger in seinem Erlebnisbericht mit dem Ultner Wanderpionier und Biologen Markus Breitenberger. Den Reiz extremer körperlicher Selbsterfahrungen beschreiben Bergführer, Autor und Forscher Hanspeter Eisendle, aber auch die Künstlerin Alena Urbankova, die vom Grenzgebiet zu Mähren bis nach Syrakus wanderte – wenngleich aus anderen Gründen als Werner Herzog im Beitrag von Caneppele nach Paris marschierte. Schriftsteller Michael Hammerschmid berichtet im Literaturteil vom Gehen durch die Stadt. Die Fotos von Sonja Steger beleuchten die Institution des mehrsprachigen literarischen Peripatos, der seit 2010 in Meran veranstaltet wird.

Kulturelemente_Nr. 116

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